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Digitalisierung der zwei Geschwindigkeiten

Digitalisierung der zwei Geschwindigkeiten

Fazit der 2. Mülheimer Tagung

170 Gäste waren der Einladung der Veranstalter Hochschule Ruhr West (HRW), IWW Zentrum Wasser und RWW Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft Anfang März 2018 gefolgt. Das Leitmotiv der zweiten wasserökonomischen Konferenz „Fokus Wasserwirtschaft: Digitalisierung der zwei Geschwindigkeiten“ folgte dabei der These, dass es gerade kleinen und mittelgroßen Wasserver- oder Abwasserentsorgern schwer falle, mit der Digitalisierung Schritt zu halten. Ihnen könnten absehbar das erforderliche Know-how und die Mitarbeiter fehlen. Die Wasserwirtschaft müsse daher die Balance zwischen den Anforderungen der Daseinsvorsorge an die Robustheit der Infrastruktur und der Innovationsfähigkeit in Folge der unabwendbaren Digitalisierung der Branche schaffen.

Die Mülheimer Tagung stand unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Andreas Pinkwart Wirtschaftsminister des Landes NRW. Stellvertretend für ihn stellte Staatssekretär Christoph Dammermann in seinen Grußworten für die Landesregierung die Digitalisierung in den Kontext der Transparenz für den Kunden und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Bei Transparenz seien NRW Benchmark und verursachungsgerechte Preismodelle besonders wichtige Bausteine. Aus seiner Sicht könnten die digitalen Zähler und ihre Daten einen wichtigen Beitrag leisten. Allerdings „müsse die kritische Infrastruktur Wasserwirtschaft hellwach sein bei der IT-Sicherheit.“ Innovation sei alternativlos, aber bei Daseinsvorsorge gelten besondere Bedingungen.

Aus Sicht der Wissenschaft referierte Prof. Dr.-Ing. Robert Holländer vom Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement Umwelttechnik und Umweltmanagement an der Universität Leipzig zur Daseinsvorsorge 4.0. Er entwickelte eine Definition für Wasser 4.0 und zeigte auf, wo die Branche aktuell stehe und welche Chancen sich durch die Digitalisierung in der Praxis böten. Als eine wesentliche Herausforderung beschrieb Holländer globale aber auch nationale Investitions- und Reinvestitionsdefizite im Rahmen der Digitalisierung.

RWW-Geschäftsführer Dr. Franz-Josef Schulte, betonte die Rolle der Kunden als Treiber des Wandels. Eine zunehmende Zahl technikaffiner oder qualitätsinteressierter Verbraucher nutze bereits am Markt verfügbare Geräte wie das israelische Lishtot, um die Qualität ihres Trinkwassers zu messen. Mit den Ergebnissen würden die Versorger schließlich konfrontiert und müssten Rede und Antwort stehen. Wer die daraus resultierende Erwartungshaltung der Kunden nicht aktiv aufnehme und sich der zunehmenden Sensibilität der Kunden nicht öffne, der werde zunehmend unter Druck geraten und an Reputation einbüßen. Die Rolle des Kundennutzens bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle skizzierte Schulte am Beispiel des vom Regionalversorger RWW in Zusammenarbeit mit der Versicherungswirtschaft entwickelten Leckagewarnsystems LEWAS. Digitalisierung biete Kunden und den Unternehmen viele Chancen, wird in den nächsten Jahren aber nicht zum Nulltarif zu haben sein.

Einen Blick über die Energiewirtschaft hinein in die Wasserwirtschaft wagte Dr. Volker Lang von AT Kearney. Für die Branche resümierte er, die Unsicherheit sei enorm: Viele Ansätze – bisher wenige Lösungen. Seine konkreten Fragen trafen den Nerv vieler Praktiker. Digitalisierung sei in der Wasserwirtschaft unvermeidbar, Kunden erwarten digitale Prozesse. Wichtig für den Erfolg seien Leuchtturmprojekte. Allerdings würde die Veränderung langsamer als in anderen Branchen greifen. Dabei sei die digitale Transformation des gesamten Unternehmens entscheidend und nicht die Durchführung von Einzelprojekten.

Für weiteren Diskussionsstoff sorgte Rik Thijssen, Innovationsmanager und Mitglied des Management-Teams des niederländischen Regionalversorgers VITENS. Er halte die Fehlerkultur als Teil des Weges zur digitalen Innovation und die Rolle der Kunden für zentral. Es seien insbesondere die Kunden, die in der Transformation als Partner auf Augenhöhe verstanden werden müssten. Sie sollten daher in die digitalen Prozesse eingebunden werden. Digitalisierung eröffne Effizienz- und Zufriedenheits-Potenziale an der Kundenschnittstelle. Dies zeige sich insbesondere bei der Information über Leckagen in den Rohrnetzen. Diese seien zwar in den Niederlanden auf geringstem Niveau, ihr Auftreten erzeuge aber Überlastungen in den Call Centern, weshalb eine proaktive Kommunikation nicht nur zur Kundenzufriedenheit, sondern auch zur Entlastung im Unternehmen beitrage. VITENS, mit 30 Prozent Marktanteil das Schwergewicht unter den zehn niederländischen Wasserversorgern, habe in der Region Leeuwarden eine technologische „Spielwiese“, den so genannten Innovation Playground geschaffen, um die Neuentwicklungen zu testen – Fehlschläge seien Teil des Erfahrungshorizonts – „embrace failures“ heißt es im Thijssen-Vortrag.

Marktforscher Dr. Uwe Pöhls stellte die Ergebnisse einer branchenweiten „Unternehmensbefragung zur Digitalisierung (und IT-Sicherheit) in der Wasserwirtschaft“ vor, die er zusammen mit dem BDEW, Fraunhofer ISI und Lebensraumwasser.com durchgeführt hat. Den Ergebnissen zufolge spiele die Digitalisierung mehrheitlich bei der Ausrichtung des Unternehmens eine überwiegend schwache Rolle. Im Mittelpunkt der Mehrheit der Unternehmen stünden Prozesse und Sicherheit, dagegen spielen Kunde, Produkte und neue Geschäftsmodelle eine nachrangige Rolle. Als elementare Barrieren bei der Digitalisierung in der Wasserwirtschaft habe Pöhls den Datenschutz, die Datensicherheit und das Fehlen qualifizierten Personals ausgemacht. Aber dennoch: Die Chancen überwiegen! Dabei gebe es viel zu tun: Denn knapp 30 Prozent der befragten Unternehmen sehen in der Digitalisierung große Chancen, 15 Prozent vor allem Risiken.

Auch kleinere Versorger müssen die Transformation bewältigen. Wie dies auch mit wenigen Mitarbeitern gelingen kann, stellten Carola Kuhnt von den Stadtwerken Lingen und Dr. Markus Löcker von der PMC Löcker GmbH vor. Unter dem Stichwort „Kooperation auf Augenhöhe“ schufen die Stadtwerke gemeinsam mit vergleichbar großen Stadtwerken eine Kooperation bei der Nutzung der IT-Infrastruktur. Damit konnten alle Partner personalwirtschaftliche Nachteile ausgleichen und Synergien ausnutzen.

Wenn Größe die einzige Erfolgsvoraussetzung für die Digitalisierung wäre, hätte Emschergenossenschaft/Lippeverband (EG/LV) ein leichtes Spiel, doch darauf wollte sich Dr. Emanuel Grün, Technischer Vorstand des Verbandes, nicht beschränken. In seinem Vortrag skizzierte Grün, wie EG/LV die Veränderungen der Arbeitswelt in seine Transformation einbezieht. „Kreatives Denken“ brauche innovative Mitarbeiter, die in einem „Core Team“ Ideen entwickeln, Erfahrungen adaptieren und beides ausprobieren dürfen. Auch hier seien Fehler Teil des Erfahrungshorizonts. Eine spezielle „Treibergruppe“ prüfe in der zweiten Stufe die Ideen aus operativer und wirtschaftlicher Sicht. Erst danach folge der Roll-out. Als ein Beispiel aus der Innovationspraxis stellte Grün die Starkregenvorhersage auf Basis von Automobildaten vor. Diese Idee beziehe Einsatzdaten von KFZ-Scheibenwischern bei der Prognose ein. Zur Erhebung von lokalen Wetterereignissen würden Sensordaten aus fahrenden Fahrzeugen mit stationsgebundenen Daten sowie Radar- und Satellitendaten kombiniert. Damit sei es möglich ein Vorhersagemodell für Kurzfristvorhersagen von Niederschlägen weiterzuentwickeln und zu erproben. Damit könne man Kundendaten nutzen, um die Robustheit der Regenabflusssysteme zu steigern.

Antworten auf die Frage „Wie sieht der Zukunftspfad für die Wasserversorgung“ aus lieferten Dr. Wolf Merkel (IWW) und Prof. Dr. Mark Oelmann (HRW). Instrumentell entwickeln sie dazu einen Digitalisierungsindex und ein Reifegradmodell. Der Digitalisierungsindex gebe an, wie weit die Unternehmen auf dem Weg zur Digitalisierung fortgeschritten seien. Damit wüssten die Wasserversorger, wo sie auch im Vergleich zu anderen Branchen stehen. Weiter in die Tiefe gehe das Reifegradmodell. Es helfe Wasserversorgern zur digitalen Positionsbestimmung. Das Modell messe nicht nur den Status quo, sondern helfe auch den Nutzen von neuen Technologien zu bewerten. Damit liefere es Antworten auf weiterführende Fragen: Wo wolle der Wasserversorger hin und wie soll der Weg beschritten werden?

Überaus aufschlussreich referierte Franziska Eickhoff von innogy zu konkreten Methoden und Werkzeugen der digitalen Transformnation beim Essener Energieversorger. “Bauchgefühl ist gut, Daten sind besser!”, war ihre erste Grundthese, an der sie anschaulich das datengetriebene Marketing als Grundlage neuer Geschäftsmodelle beschrieb. “Menschen treiben die Digitalisierung. Wir verbinden Menschen miteinander, um persönliche Potenziale zu entfalten”, formulierte sie die zweite Kernaussage. Überraschend war für alle zu erfahren, welch ganzheitlicher Ansatz und welches Maßnahmenbündel an Kommunikations- und Entwicklungsmaßnahmen hinter einer erfolgreichen Transformation stecken.

Zum Abschluss der ganztägigen Konferenz stellten sich die drei Personalexperten Clivia Conrad, Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Birgit Schewe, selbstständige Beraterin PE Konzept plus, und Peter Flosbach, technischer Geschäftsführer der Dortmunder DEW21, den Fragen des Moderators Siegfried Gendries. In vielen Dingen herrschte Übereinstimmung bei den dreien. Es gehe nicht ohne Wissenstransfer, „kultureller Transformation“ und „Lebenszyklusorientierten Arbeitsbedingungen“, um nur einige Herausforderungen für so manche Personalwirtschaft bei der digitalen Transformation zu nennen. Flosbach hob dabei die guten Erfahrungen der DEW21 bei Kooperationen mit Hochschulen am Standort Dortmund hervor, Conrad, Leiterin der Fachgruppe Wasserwirtschaft, betonte gemeinsam mit Schewe die Erfordernisse des Wandels in der Führungskultur und dem Weiterbildungswesen der Unternehmen.

Die Mülheimer Tagung hat gezeigt, dass digitaler Wandel gelingen kann und muss. Auch wenn die Digitalisierung auf Daten und Roboter setzen wird, ohne den Menschen wird es nicht gehen – schon gar nicht in der Wasserwirtschaft. Es ist auch keine Frage der Größe oder der Rechtsform, um die Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. Die Unternehmen der Wasserwirtschaft müssen die Daseinsvorsorge in Richtung Wasser 4.0 weiter entwickeln, sie sollten ihren Weg in die Digitalisierung finden, dabei aber nicht die sichere und qualitativ hochwertige Leistungserbringung aus den Augen verlieren. Wasserversorgung und Abwasserentsorgung unterliegen gänzlich anderen Anforderungen und Verpflichtungen als andere Wirtschaftssektoren. Auf die Lieferung von Amazon oder das Streaming bei Netflix kann der Bürger verzichten, das Trinkwasser aus der Leitung und die Reinigung des Abwassers sind alternativlos. Digitalisierung mit Augenmaß ist das Gebot der Stunde.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter diesem Link.

Quelle: IWW Rheinisch-Westfälisches Institut für Wasser

Veröffentlicht von

Anne Schaar

Die Umwelttechnik steht vor immer komplexeren Herausforderungen, diese aufzuspüren und für unseren Leser unkompliziert aufzubereiten macht für mich gute Redaktion aus.

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